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28 | Eine Frage des Blickwinkels!

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28 | Eine Frage des Blickwinkels!

Bild: Nahaufnahme des Gesichts eines lächelnden, jungen, afrikanischen Mannes. (Quelle: pixabay)


Vor kurzem bin ich zufällig über ein Gedicht gestolpert*, das mich zum Lachen brachte und wieder einmal auf den Gedanken, dass unsere Sicht der Welt so oft eine Frage des Blickwinkels ist.

Es lautet:

Der Schwarze
Von einem unbekannten Dichter aus Südafrika

Der Afrikaner:
Wenn ich zur Welt komme, bin ich schwarz.
Wenn ich aufwachse, bin ich schwarz.
Wenn ich krank bin, bin ich schwarz.
Wenn ich in die Sonne gehe, bin ich schwarz.
Wenn ich friere, bin ich schwarz.
Wenn ich sterbe, bin ich schwarz.

Aber du!

Wenn du zur Welt kommst, bist du rosa.
Wenn du aufwächst, bist du weiß.
Wenn du krank bist, bist du grün.
Wenn du in die Sonne gehst, bist du rot.
Wenn du frierst, bist du blau.
Wenn du stirbst, bist du grau.

Und du wagst es, verdammt noch mal, mich einen Farbigen zu nennen?!

Das ist wohl natürlich auch mit einem Augenzwinkern zu verstehen! Es bereitet mir jedenfalls immer Freude, wenn jemand es schafft, seinen Standpunkt auf humorvolle Weise zu vermitteln. Ich fand den Blickwinkel des anonymen Dichters sehr erfrischend!

Herzliche Grüße, schöne Feiertage und einen harmonischen Jahreswechsel!

Clemens Pistauer


* Gefunden auf https://unikatmuc.de/2014/09/der-schwarze-ein-gedicht-ueber-gerechtigkeit/

Update vom 15.1.2019

Zufällig bin ich durch einen Hinweis auf den mutmaßlichen englischen Originaltext des Gedichts gestoßen. Dabei ist eine interessante, allerdings auch etwas mysteriöse Geschichte zu Tage gekommen:

In der Frühlingsausgabe 2009 der Publikation “TAU-USA” des Franziskanerordens (S. 22)** fand ich diese Variante des Gedichts:

When I born, I black
When I grow up, I black
When I go in Sun, I black
When I scared, I black
When I sick, I black
And when I die, I still black

And you white fellow
When you born, you pink
When you grow up, you white
When you go in sun, you red
When you cold, you blue
When you scared, you yellow
When you sick, you green
And when you die, you gray

And you calling me colored?

Unter dem Gedicht steht der Satz:

“The poem above (from the Internet) was nominated by the UN, as the best poem of 2006. It was written by an African kid.”

(Übersetzung: “Das oben stehende Gedicht (aus dem Internet) wurde von der UN als das beste Gedicht 2006 gekürt. Es wurde von einem afrikanischen Kind geschrieben.”)

Allerdings konnte ich bei meiner Google-Recherche keine Bestätigung dafür finden, weder auf Webseiten der UN noch anderswo, dass es so einen Wettbewerb im Jahr 2006 gegeben hat.


Das oben stehende Gedicht aus der Publikation des Franziskaner Ordens findet sich – teilweise in abgewandelter Form – an mehreren Stellen im Internet***. Bei fast allen Fundstellen befindet sich der oben zitierte Kommentar betreffend die Kür durch die UN - ebenfalls teilweise etwas abgewandelt.

Das deutet für mich darauf hin, dass möglicherweise diese Information im Internet „im Kreis herum“ übernommen wurde. Eine Bestätigung dafür dass es diesen Wettbewerb der UN gegeben hat, konnte ich – wie bereits oben erwähnt – nicht finden. Auch fehlten auf den in der Fußnote *** aufgelisteten Seiten entsprechende Quellenangaben.

 

Einen weiteren Hinweis auf den möglichen Ursprung des Gedichts fand ich schließlich in einem deutschsprachigen Forum****, in welchem es aber auch englische Beiträge gibt. Dort wurde von einem User die Version mit dem Wettbewerb aus 2006 in Frage gestellt. Er gibt das Gedicht mit leichten Abweichungen von der Version des Franziskanerordens wieder und nennt eine andere Fundstelle. Die Sprache dieser Version ist auch noch etwas einfacher:

When I Born, I Black
When I grow up, I Black
When I go in sun, I Black
When I sick, I Black, and
When I die, I still Black

And U White fella,
When u born, u pink
When u grow up, u white
When u go in sun, u red
When u cold, u blue
When u Scared, u yellow
When u sick, u green, and
When u die, u gray

And--------------
You calling me colored??

Als Quelle gibt er folgendes an:

by an Anonymous pupil of King Edward VI School, Birmingham, UK.
Found in The children's book of poems, prayers and meditations ed. Liz Attenborough (Element Books, 1989)*****

(Übersetzung: von einem anonymen Schüler der “König Edward VI Schule”, Birmingham, Vereinigtes Königreich.
Gefunden in “Das Kinderbuch der Gedichte, Gebete und Meditationen hrsg. Liz Attenborough (Element Books, 1989))

Gleichzeitig verlinkt er auf die Seite der „National Poetry Library“ in Groß Britannien, in der man vermutlich das Buch online einsehen kann. Da man britischer Staatsbürger sein muss, um sich dort zu registrieren, konnte ich die Authentizität der Fundstelle in letzter Konsequenz leider nicht überprüfen.

Mir erscheint es durchaus plausibel, dass das die ursprüngliche Version des Gedichtes sein könnte - nicht zuletzt auf Grund des einfachen Schreibstils.


Es ist interessant zu beobachten wie sich die Dinge durch Übertragen und Übersetzen weiterentwickeln. Möglicher Weise wurde so aus einem anonymen Schüler aus Großbritannien schließlich über Umwege ein unbekannter Dichter aus Südafrika.

So viel zum Thema Legendenbildung! Wer weiß, vielleicht kann man in 10 Jahren irgendwo lesen, dass es der kleine Nelson Mandela geschrieben hatte.


** https://www.nafra-sfo.org/tau-usa/articles/Spring09/Issue_Num_62_spr_09.pdf

*** https://www.groundreport.com/nominated-by-un-as-the-best-poem-of-2006-written-by-an-african-kid/
https://www.qatarliving.com/forum/qatar-living-lounge/posts/african-kid-best-poem-judged-un-2006
https://www.citehr.com/66314-nominated-un-best-poem-2006-african-kid.html
http://moui.net/blog/2010/10/nominated-by-un-as-the-best-poem-of-2006-written-by-an-african-kid/
http://latestupdatesofincometax.blogspot.com/2009/06/best-poem-of-2006-this-poem-was.html
https://groups.google.com/forum/#!topic/medicos98tvm/4okOY7leAgA
https://www.thelocal.se/discuss/index.php?showtopic=20252&mode=linear?showtopic=20252&mode=linear

**** http://www.sb-innovation.de/f49/best-poem-2006-written-african-kid-27627/

***** https://www.amazon.com/Childrens-Book-Poems-Prayers-Meditations/dp/1901881857


Unterschiedliche Blickwinkel und Standpunkte sind auch in diesen Artikeln aus meinem Blog ein Thema:
02 | Geschichte vom Mann, seinem Sohn und dem Pony
05 | Himmel, Hölle und Humor
06 | Der Berg und die Dörfer
09 | Werden, Vergehen und Ewigkeit
11 | Herz und Verstand
21 | Über die Grenze des Schachbretts


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02 | Geschichte vom Mann, seinem Sohn und dem Pony

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02 | Geschichte vom Mann, seinem Sohn und dem Pony

Bild: Yin-Yang-Symbol in schwarz/weiß. An der Grenzlinie der "Welle" sind abwechselnd nach oben und unten zeigend Fragezeichen aneinandergereiht. (Quelle: pixabay)


Auf meinen vorherigen Eintrag „Das Ego aus spiritueller Sicht“ erhielt ich unter anderem die Rückmeldung, dass meine Ausführungen recht „kompliziert“ und nicht gerade leichte Kost waren. Das kann ich schon nachvollziehen. Daher hier zur Abwechslung und Illustration der Rollen von Seele und Ego (Persönlichkeit) eine kleine Geschichte:

Es war einmal ein Mann, der hatte einen Sohn. Sie besaßen auch ein Pony, das sie sehr liebten. Eines Tages lief das Pony weg und war nicht mehr auffindbar. Der Nachbar des Mannes kam herbei und rief aus: „Das ist ja schrecklich! Was für ein Verlust.“

Der Mann blieb allerdings ruhig und antwortete: „Es ist noch nicht vorbei.“ 2 Tage später kehrte das Pony unerwartet zurück und brachte auch noch ein wunderschönes weißes Pferd mit. Der Nachbar freute sich und sagte: „Oh, was für ein Glücksfall! Jetzt habt ihr nicht nur ein Pony, sondern auch noch ein schönes weißes Pferd dazu.“ Der Mann blieb aber wieder völlig ruhig und sagte nur: „Es ist noch nicht vorbei.“

Einige Tage darauf versuchte der Sohn des Mannes auf dem neuen weißen Pferd zu reiten. Er fiel jedoch herunter und brach sich ein Bein. Der Nachbar sah das, kam herüber gelaufen und rief: „Ojeh, was für ein Unglück! Jetzt habt ihr dieses schöne neue Pferd und da muss so etwas passieren. Wer wird dir jetzt bei der Arbeit helfen, wenn dein Sohn verletzt ist?“ Der Mann blieb auch diesmal ruhig und antwortete: „Es ist noch nicht vorbei.“

Tags darauf kam die Armee ins Dorf, um alle wehrfähigen jungen Männer für den Kriegsdienst einzuziehen. Als die Soldaten jedoch das gebrochene Bein des jungen Mannes sahen, ließen sie ihn zurück. Der Nachbar jubelte: „Was für ein Riesenglück, dass dein Sohn sich gestern das Bein gebrochen hat, sonst hätten sie ihn mitgenommen. Du musst überglücklich sein!“ Doch der Mann blieb wie immer ruhig und meinte nur: „Es ist nie vorbei.“*

In dieser Geschichte steht der Mann für unsere Seele, der aufgeregte Nachbar für unser Ego. Es lässt sich sehr stark von den momentanen Umständen beeindrucken. Die Seele nimmt die „Aufs“ und „Abs“ des Lebens viel gelassener, weil sie weiß, dass es in erster Linie um die Erfahrung geht und dass man nie genau wissen kann, wozu ein Ereignis gut ist.

Wenn wir es schaffen ruhig zu bleiben und in uns hineinspüren, können wir auch beim Auftreten unerwarteter Umstände oder in Zeiten von Ungewissheit oder Unsicherheit intuitiv feststellen, wie die Lage gerade ist. Die Kunst besteht nur darin, in der konkreten stressigen oder überraschenden Situation daran zu denken und es zu tun, wie ich aus eigener Erfahrung nur allzu gut weiß (nämlich anhand aller Situationen, in denen ich dann doch wieder ganz darauf vergessen habe).
Erfahren Sie hier mehr zum Thema Intuition

*Diese Geschichte habe ich leicht abgewandelt übernommen aus dem Buch „Feuer im Herzen“ von Deepak Chopra.

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